• Kameralwissenschaftliche Fakultät

Die kameralwissenschaftliche Fakultät der alten Universität Mainz

Im Zuge der großen Universitätsreform 1784 entstand die kameralwissenschaftliche Fakultät. Die Kameralwissenschaft war darauf ausgerichtet, Staatsdiener und Administratoren für ihre Arbeit auszubilden. Erzbischof Joseph Emmerich von Breidesbach zu Bürrenheim hatte bereits 1765 einen Lehrstuhl für Kameralwissenschaft eingesetzt. Damit einher ging eine Deklaration, dass jeder zukünftige Beamte des Kurstaats ein Studium in den Kameralwissenschaften zu absolvieren habe, und dass Kompetenz und Fachwissen entscheidend für die Einstellung waren. Zuvor war es noch durchaus üblich gewesen, das viele Positionen innerhalb der Familie vererbt wurden, was dadurch erleichtert wurde, dass es keine konkreten Eignungsvoraussetzungen gab. Der Lehrplan der Kameralwissenschaft umfasste vier Semester, in welchem verschiedene Fächer auf dem Plan standen, unter anderem Staatsregierungskunst, Militärökonomie, Landwirtschaft, Bergwerkswesen, Gewerbe, Technologie, Kaufmannswesen und Finanzwirtschaft. Die Kameralwissenschaften waren in Mainz von Beginn an praxisorientiert, zukünftige Professoren mussten zahlreiche Studienreise zu Landwirtschaftsbetrieben, Manufakturen und Ämtern unternehmen, um praktische Erfahrung zu sammeln. Bald wurden zwei weitere Lehrstellen für die Kameralwissenschaften eingerichtet.
Durch die Reform von 1784 entstand ein eigenes kameralwissenschaftliches Institut. Es bestand aus drei Professuren, die sich den Kerngebieten der Kameralwissenschaft widmeten: Staatswissenschaft, Landkultur und Forstwissenschaft sowie Technologie, Fabrikenwissen-schaft und Handelstheorie. Außerdem wurden noch vier Lehrstühle nebenamtlich zu den Kameralwissenschaften gezählt, während sie hauptamtlich einer anderen Fakultät angehörten: angewandte Mathematik, Botanik, Chemie und Vieharzneikunst. Der Lehrplan der Kameralwissenschaften war sehr vielseitig, denn sämtliche Berufsgruppen und Produktionsanstalten sollten abgedeckt werden und eine ausführliche Bildung in Geschichte und im Rechtswesen erreicht werden. Daher war die Regelstudienzeit auch um einiges länger als bei den anderen höheren Fakultäten. Er betrug vier statt der üblichen zwei Jahre. In dieser Zeit wurden sowohl Fächer mit politischem, wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichem Einschlag studiert: Mathematik, Staats- und Rechtsgeschichte, Naturgeschichte, Statistik, Chemie, Baukunst, Landwirtschaft, Forstwissenschaft, Bergwerkswesen, Münzwissenschaft, Vieharzneikunde etc. Es gab nur ein einziges Examen, die Abschlussprüfung zur Erlangung des Doktorgrades. In mehreren Fächern wurden die Kameralwissenschaftler zusammen mit den Juristen unterrichtet, da sich ihr Lehrplan gerade bei den Themen der Rechtsgeschichte überschnitt.
Die Fakultät hatte einen schweren Start. Als sie ihre Arbeit aufnahm, waren nicht alle Dozenten in der Lage, den anspruchsvollen Lehrplan zu erfüllen, außerdem fehlte es der Fakultät an innerer Struktur, die Fakultätsaufgaben waren nicht verteilt und es gab auch noch keinen Dekan. Dies wurde erst 1785 nachgeholt, der erste Dekan der kameralwissenschaftlichen Fakultät wurde gewählt und die Verwaltung aufgebaut. Ein langfristiges Problem war jedoch fehlende finanzielle Förderung. Die kameralwissenschaftliche Fakultät verfasste mehrere Anträge auf Verbesserung des eigenen Budgets, auf Erweiterung des Personals und bessere Lehrmittel, jedoch wurden diese meist zurückgewiesen. Das Geld floss zu den drei älteren, bereits etablierten höheren Fakultäten. Insgesamt bestand die Fakultät nicht lange. Nach der französischen Besatzung 1792 und 1797 zogen einige Dozenten und Studenten mit dem Kurfürsten und weiteren Teilen der Universität nach Aschaffenburg und beteiligten sich an der kurzlebigen Karls-Universität, doch auch sie stellte nach wenigen Jahren den Unterricht ein.

Nachweise

Literatur:

Just, Leo; Mathy, Helmut: Die Universität Mainz. Grundzüge ihrer Geschichte. Mainz 1965.

Napp-Zinn, Anton Felix: Johann Friedrich von Pfeiffer und die Kameralwissenschaften an der Universität Mainz. Wiesbaden 1955.

 

Red. Bearb. Juliane Märker 20.08.2012